Zeit & Zutritt 2020 – Ohne Infrastruktur keine digitale Ökonomie, keine Ökonomie 4.0! Im Interview Stephan Speth

Liebe Leserinnen und liebe Leser,

Ökonomie, Märkte und Unternehmen sind im Wandel. Flexibilisierung und Öffnung bei gleichzeitiger Vernetzung sind zwei der Megatrends der digitalen Ökonomie bzw. der Ökonomie 4.0. Ohne eine Infrastruktur, die Sicherheit und Transparenz gewährleistet, stößt beides an seine Grenzen. So wird das etablierte Thema „Zeit & Zutritt“ zu einer Schlüsseltechnologie für die Neuausrichtung.

Es freut uns daher sehr, dass wir im Vorfeld des Competence Books Zeit & Zutritt führende Köpfe der Branche zu einem Vorab-Roundtable versammeln konnten, um Kernaspekte des Themas in Theorie und Praxis zu beleuchten.

Viel Spaß beim Lesen wünscht Ihnen Ihr Competence Site-Team

 

1.Trends / Treiber für Zeit & Zutritt

Industrie 4.0 bzw. digitale Ökonomie setzt auf eine Flexibilisierung der Arbeit, zugleich braucht die neue Vernetzung Sicherheit trotz Offenheit im Netzwerk. Auch Trends wie Customer Experience und Business Apps oder Basistechnologien (Biometrie, Mobile, NFC, …) verändern maßgeblich das Umfeld von Zeit & Zutritt.

Welches sind Ihrer Meinung nach die fünf wichtigsten und nachhaltigen Trends / Treiber für das Thema Zeit & Zutritt in den kommenden 5 Jahren?

Der Markt „Zeit und Zutritt“ ist ja geprägt von einer eher konservativen Einstellung und von Produkten, die einen Lebenszyklus von mindestens 10 Jahren haben. Dementsprechend läuft man nicht blind jedem Trend hinterher, sondern analysiert genau, was wirklich nutzbringend ist. Mobile Anwendungen mit Smartphone werden kommen, auch wenn sich von NFC inzwischen fast alle Anbieter verabschiedet haben. Dafür ist BLE, also Bluetooth Low Energy, jetzt der große Hoffnungsträger, dem auch wir eine gute Chance einräumen. Biometrie wird sich weiterhin in Deutschland schwer tun, aber in bestimmten Nischen ist sie nicht mehr wegzudenken. Smartphones und Tablets mit biometrischem Sensor helfen sicher, die Akzeptanz zu erhöhen. Ein wichtiger Trend ist weiterhin die Konvergenz von Sicherheitsgewerken wie Zutrittskontrolle, Videoüberwachung, Gebäudemanagement zu einem integrierten Sicherheitssystem. Die Kunden wollen Lösungen, die problemlos miteinander arbeiten. Dazu gehören mittelfristig auch die beiden Themen Internet of Things und Funkverbindungen. Hier bremsen aber noch fehlende Standards den breiten Einsatz, weil jeder seine Produkte abschottet.

Ein wichtiger Trend ist weiterhin die Konvergenz von Sicherheitsgewerken wie Zutrittskontrolle,
Videoüberwachung, Gebäudemanagement zu einem integrierten
Sicherheitssystem. Die Kunden wollen Lösungen, die problemlos miteinander arbeiten.

 

2.Marktpotenzial Zeit & Zutritt

Die Märkte für Zeit & Zutritt-Lösungen scheinen eigentlich gereift zu sein. Trotzdem sorgen potenziell ökonomische („4.0“) und regulatorische Veränderungen („Mindestlohn“, „Food Defence“, …) immer wieder für eine neue Dynamik im Markt.

Wie bewerten Sie die Markt-Potenziale der Zukunft bis 2020? Wo ist der Markt eher gereift / gesättigt und eher ein Markt des Verdrängungswettbewerbs? Wo lassen sich Ihrer Meinung nach hingegen noch neue Zukunftsfelder erschließen? Wer wird 2020 erfolgreich sein? Wird es verstärkt zu Spezialisierungen oder zu integrierten Lösungen kommen? Erwarten Sie Konsolidierungen am Markt und Übernahmen von Anbietern? Wie differenzieren Sie sich auch in Zukunft erfolgreich vom Wettbewerb?

Unser Markt wird auch in Zukunft im einstelligen Prozentbereich wachsen. Unübersehbar ist natürlich, dass sich große Unternehmen zusammenschließen und diese Konzerne sich gegenseitig den Markt streitig machen. Das bietet auf der anderen Seite den kleineren Unternehmen die Möglichkeit, mit spezialisierten Lösungen in Marktnischen tätig zu werden und mit ihrer höheren Flexibilität Kunden zu gewinnen, wo Konzerne zu unbeweglich werden. Dabei spielt das Partnergeschäft eine große Rolle. Wenn mehrere leistungsfähige kleinere Anbieter partnerschaftlich zusammenarbeiten, können hier hochinteressante Lösungen für Kunden entstehen. Genau hier sehen wir unsere Stärke mit unserem über lange Jahre stabilen Partnernetzwerk.

 

3.Zeit & Zutritt als Infrastruktur / Enabler für neue Geschäftsprozesse

Neue ökonomische Potenziale können entstehen, wenn Zeit & Zutritt zu einem strategischen Enabler für digitalisierte Geschäftsprozesse wird. Eine bessere Kundenbindung wird z.B. möglich, wenn in Hotels Zutritts-Apps die Customer-Experience verbessern und die Kundenbindung erhöhen (Hinweise auf Hotel-Angebote), Energieeffizienz wird möglich, wenn Zutritt den Energieverbrauch steuert, eine neue „aktive“ Zeitwirtschaft / Personaleinsatzplanung könnte Mitarbeiterzufriedenheit steigern.

Wie bewerten Sie die Chancen, durch Zeit & Zutritt solche Innovationen vermehrt zu ermöglichen? Wo sehen Sie innovative Nutzungen der „Infrastruktur“ Zeit & Zutritt im Kontext der digitalen Transformation der Unternehmen und Märkte?

Schlagworte wie Customer-Experience oder digitale Transformation lesen sich immer so fortschrittlich, aber mit Marketing-Buzzwords ist es in der Praxis nicht getan. Die Realität sieht viel nüchterner aus und man muss ganz objektiv sehen, dass von den vielen Möglichkeiten, die in der Presse immer erwähnt werden, nur wenige wirklich einen Nutzen bringen. Laut BMWi hat für 70 Prozent des Mittelstandes der Einsatz digitaler Technologien in der Fertigung noch keine oder nur geringe Relevanz. Da ist es nicht zielführend, wenn wir den Markt mit neu erfundenen Begriffen wie „Zutritt 5.0“ noch mehr verunsichern. Viele Themen, die wir heute unter Industrie 4.0 diskutieren, haben wir in den 70er-Jahren unter dem Begriff Computer-Integrated Manufacturing – kurz CIM – diskutiert. Die schöne vollintegrierte Systemlandschaft, die alles kontrollieren kann, muss immer zeitaufwändig geplant, installiert und administriert werden. Den Aufwand scheuen die meisten Unternehmen. Zeiterfassung und Zutrittskontrolle wird darum in der überwiegenden Mehrzahl immer noch ein Gewerk bleiben, dass sich nur locker mit anderen Systemen verbindet. Zudem ist Zeit und Zutritt nie der strategische Enabler für digitale Geschäftsprozesse. Die werden von anderen Systemen getrieben und unsere Produkte für Zeit und Zutritt müssen in erster Linie in der Lage sein, sich flexibel in diese Systeme zu integrieren. Dafür müssen wir passende Schnittstellen bereitstellen und Standards berücksichtigen, wo es sinnvoll ist.

 

4.Zeitwirtschaft und Zutrittskontrolle im Jahr 2020

Ein Experten-Roundtable soll Unternehmen und der Branche Zukunftsperspektiven vermitteln. Wenn Sie in die Glaskugel und fünf Jahre in die Zukunft schauen: Wie haben sich bis 2020 die Zeitwirtschaft und die Zutrittskontrolle weiter entwickelt? Was sind jeweils relevante Technologien, Lösungsbausteine und Anwendungen? Was sind bis 2020 die wichtigsten Veränderungen gegenüber 2015?

Schauen wir doch einfach einmal fünf Jahre zurück. Damals hegte man noch die Hoffnung, dass NFC unsere Welt ändert, dass Biometrie sich jetzt endlich doch durchsetzen wird, dass Zeiterfassung nur noch über Smartphones erfolgt und natürlich alles in der Cloud passiert. Und heute? Die Welt vor fünf Jahren unterscheidet sich nicht wesentlich von der heutigen Welt. Mit disruptiven Veränderungen können wir nicht ernsthaft rechnen. Manchmal passieren sie, meistens nicht, niemand kann hier etwas voraussagen. Evolutionäre Weiterentwicklungen wird es natürlich geben. Im Bereich der Zutrittskontrolle wird es Lösungen mit BLE geben, die unser Leben in vielen Fällen einfacher macht. Bei RFID wird es die nächste Generation geben, die mehr Speicher und höhere Rechenleistung bietet, was zum Verschlüsseln dringend notwendig ist. Und wie anfangs schon erwähnt wird Biometrie in der Zutrittskontrolle weiterhin ein Nischenprodukt bleiben. Ob in der Zeitwirtschaft sich Wesentliches ändert beim Thema Lebensarbeitszeit, flexible Arbeitszeiten und Work-Life-Balance ist weniger eine Frage der Technik. Die Systeme sollten solche Modelle abbilden können. Voraussetzung ist aber eine politische und gesellschaftliche Diskussion, bei der die Interessen der Mitarbeiter und der Unternehmen in Einklang kommen. Das ist erfahrungsgemäß viel komplizierter als das Programmieren von entsprechenden Algorithmen.

 

5.Eigene Use Cases mit Zeit & Zutritt als Erfolgsbasis

Grau ist alle Theorie … Am besten überzeugt die erfolgreiche Umsetzung.

Was sind beispielhafte Use Cases aus Ihrem Erfahrungskontext, über die Sie gerne berichten würden? Was wurde dort mit Zeit & Zutritt realisiert bzw. was ist dort gegebenenfalls noch geplant? Aus welchem Grund setzte man auf Sie als Partner? Welche Erfolge konnten realisiert werden? Wer war noch am Projekterfolg mit beteiligt?

Für mich als Marketingmann ist das immer eine unangenehme Frage. Beim Thema Zeiterfassung setzen wir ja hauptsächlich auf die Lösungen unserer Partner. Wir sind „nur“ der Hardwarelieferant, die Zeitwirtschaftssoftware kommt von unseren Partnern. Beim Thema Zutrittskontrolle gibt es bei der Handvenenerkennung hochinteressante Lösungen und Projekte, über die wir aber in der Regel nicht sprechen dürfen, weil es sich fast immer um Hochsicherheitsprojekte handelt, die der Kunde mit NDAs arbeitet. Ein schönes Beispiel aus der klassischen Zutrittskontrolle ist der St Martin Tower in Frankfurt, wo wir das komplette Gebäude mit Zutritts- und Zufahrtskontrolle einschließlich Videomanagement im Außenbereich und Ausweismanagement realisiert haben. Dort stehen unterschiedliche Szenarien zur Auswahl, um die individuellen Sicherheitsanforderungen der Mieter umzusetzen: Vernetzte Zutrittskontrolle, Offline-Komponenten oder hochsichere Handvenenerkennung. Mit der dort installierten Videotechnik wird der Überblick über belegte Besucherparkplätze gesteuert, ein freier Parkplatz zugewiesen und die Administration eines platzsparenden Palettenparksystems geregelt. In Zukunft wird es dort mehrere Stromtankstellen geben. Auch die Nutzung dieser Tankstellen wird dann über die Zutrittskontroll-Software realisiert. Oder die Fisser Bergbahnen, bei denen wir vom Skidepot über die Büros, Werkstätten, Garage und den Aufzug Zeiterfassung und Zutrittskontrolle implementiert haben. Das sind typische Konvergenz-Beispiele, wo Kunden komplette Lösungen über mehrere Bereiche hinweg suchen.

Stephan Speth

Stephan Speth

Dipl.-Ing. Stephan Speth ist bei PCS Leiter Marketing und Neue Geschäftsfelder. Er verantwortet die Produktlinien INTUS, DEXICON und CONVISION und treibt die Themen RFID, Biometrie mit Schwerpunkt Handvenenerkennung sowie moderne Benutzeroberflächen und Design. Unter seiner Regie wurde die Marke ­„INTUS“ kontinuierlich aufgebaut, und heute ist PCS einer der führenden deutschen Hersteller für hochwertige Terminals für Zutrittskontrolle und Zeiterfassung. Die ­INTUS-Terminals sind vielfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem iF Design Award und dem German Design Award.

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